Pneumokokken: Risikofaktor Alter

Experten beklagen die niedrigen Pneumokokken-Impfraten in Deutschland. Vor allem die über 60-jährigen Patienten sollten aktiv auf diese Standardimpfung hingewiesen werden.


Trotz STIKO-Empfehlung sind die Pneumokokken-Impfraten bei den über 60-Jährigen mit 20 bis 25 Prozent eher gering.

Dies hat gravierende Folgen: Pneumokokken gelten als die häufigsten Erreger der ambulant erworbenen Pneumonie. Jedes Jahr gibt es in Deutschland schätzungsweise bis zu 12000 Todesfälle durch schwere Pneumokokken-Erkrankungen und bis zu 135 000 Krankenhausaufenthalte. 80 bis 90 Prozent der Todesfälle betreffen über 60-Jährige.

Darüber hinaus sind vor allem Erwachsene und Kinder mit chronischen Erkrankungen wie z. B. Asthma, COPD oder Diabetes mellitus betroffen.

Invasiv und nicht-invasiv

Die Übertragung des Erregers Streptococcus pneumoniae erfolgt durch Tröpfcheninfektion. Pneumokokken können zunächst symptomlos den Respirationstrakt besiedeln und bei Veränderung der körpereigenen Abwehrlage eine Vielzahl von Erkrankungen hervorrufen, die sich bei Kindern und Erwachsenen zum Teil unterschiedlich manifestieren.

Man unterscheidet grundsätzlich zwischen invasiven und nicht-invasiven Pneumokokken-Erkrankungen. Die wichtigsten invasiven Manifestationen im Kindesalter sind die Meningitis, die Sepsis und die bakteriämische Pneumonie. Die häufigste nicht-invasive Pneumokokken-Erkrankung ist die Otitis media, aus der sich hämatogen oder direkt fortgeleitet weitere Infektionen, meist wiederum Meningitiden, entwickeln können.

Grippe plus Pneumokokken

Bei Erwachsenen ab 50 Jahren sind Lungenentzündungen die häufigste Folge einer invasiven Pneumokokken-Infektion. Es können aber auch Sepsis, Arthritis oder Endokarditis auftreten. Bei den nicht-invasiven Formen kann es zu Otitis media, Sinusitis und bei Patienten mit COPD zu Exazerbationen kommen.

Das Alter als Risikofaktor für Pneumokokken-Erkrankungen werde indessen häufig unterschätzt: Gerade ältere Menschen können schwer erkranken und trotz adäquater Therapie versterben, sagte der niedergelassene Allgemeinmediziner und Diabetologe Dr. Reinfried Galmbacher (Klingenberg) bei einem Pressegespräch. Die Pneumokokken-Impfung kann saisonunabhängig erfolgen. In der Grippesaison bietet es sich jedoch an, auch den Pneumokokken-Impfschutz gleich mit zu überprüfen.

Aus seiner Praxis schilderte Galmbacher folgenden Fall: „Eine 67-jährige Frau kam ins benachbarte Pflegeheim und wurde meine Patientin. Sie bekam von mir, wie im Pflegeheim üblich, die jährliche Grippeimpfung. Die Pneumokokken-Impfung sollte in den nächsten acht bis 14 Tagen nachgeholt werden. In der Zwischenzeit erlitt sie jedoch einen Sturz und wurde mit Oberschenkelfraktur ins Krankenhaus eingewiesen.

Dort blieb sie vier Wochen. Im Laufe des Krankenhausaufenthaltes bekam die Patientin eine Pneumokokken-Pneumonie. Obwohl sofort eine adäquate Antibiotikatherapie eingeleitet wurde, konnte sich die Patientin nie wieder richtig davon erholen und verstarb schließlich.“

Konsequentes Impfmanagement

„Seitdem“, so Galmbacher weiter, „achte ich konsequent darauf, dass meine älteren Patienten alle wichtigen Impfungen erhalten. Gerade das Alter wird als zu berücksichtigender Faktor für die Pneumokokken-Impfung häufig vernachlässigt.“

Berate man die Patienten aktiv, sei dies leicht ändern, denn „die Impfung ist im Gegensatz zur Grippeimpfung vielen Menschen unbekannt. Der Rat des Arztes ist hier also entscheidend.“ In seiner Praxis konnte Galmbacher die Impfquote bei den über 60-jährigen Patienten auf 70 Prozent steigern.

Ärzte sollten deshalb jede Gelegenheit zur Information der Patienten nutzen und die Impfung aktiv anbieten, forderte auch der Leiter des Nationalen Referenzzentrums für Streptokokken, Dr. Mark von der Linden (Aachen). Der Biochemiker informierte über die Bedeutung der verschiedenen Pneumokokken-Serotypen für die Impfstrategie.

Zur Immunisierung von Säuglingen und Kindern bis 5 Jahren stehen Pneumokokken-Konjugatimpfstoffe zur Verfügung. Zur Impfung von Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern ab 2 Jahren habe sich seit vielen Jahren der Pneumokokken-Polysaccharidimpfstoff Pneumovax®23 bewährt. Die Wirksamkeit des Pneumokokken-Polysaccharidimpfstoffes sei in einer großen Anzahl klinischer Studien belegt worden.

In einer aktuell veröffentlichten randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten japanischen Studie (Maruyama T et al.) mit mehr als 1000 Bewohnern von Seniorenheimen konnte ein signifikanter Rückgang der Inzidenz der Pneumokokken-Pneumonien um 64 Prozent erreicht werden.

Pneumokokken-Serotypen

Bei der vorbeugenden Wirkung der Pneumokokken-Impfstoffe, wie z.B. Pneumovax®23, sei auch entscheidend, wie umfassend der Impfstoff die Pneumokokken-Serotypen abdeckt, die derzeit für schwere Erkrankungen bei Erwachsenen verantwortlich sind.

Der Leiter des NRZS stellte aktuelle Untersuchungen aus Deutschland zu invasiven Pneumokokken-Erkrankungen (IPE) vor. Den Untersuchungen zufolge hat sich die Verteilung der Pneumokokken-Serotypen im Beobachtungszeitraum von 2002 bis 2010 bei Erwachsenen verändert.

Bereits seit 1998 besteht die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO), alle Erwachsenen ab 60 Jahren und chronisch Kranken mit einem Pneumokokken-Polysaccharid-Impfstoff zu impfen. Im Jahr 2006 empfahl die STIKO auch alle Säuglinge und Kleinkinder bis 24 Monate mit einem zu diesem Zeitpunkt neu eingeführten Pneumokokken- Konjugatimpfstoff zu impfen.

Effekte der Kinderimpfung

Nach breiter Anwendung eines zunächst 7-valenten, jetzt 10- bzw. 13-valenten Pneumokokken-Konjugat-Impfstoffes bei Kindern – so die Ergebnisse des NRZS – konnten 2009 bis 2010 vermehrt Pneumokokken-Erkrankungen beobachtet werden, die durch andere als die im 7-valenten Konjugat-Impfstoff enthaltenen Serotypen hervorgerufen wurden. „Dies dürfte“, führte van der Linden aus, „ein Impfstoff-Effekt des Kinderimpfprogramms sein.“

Der 13-valente Pneumokokken-Konjugatimpfstoff, der bei Kindern eingesetzt wird, habe in den Jahren 2009 bis 2010 fast 62 Prozent der invasiven Pneumokokken-Erkrankungen (IPE) der Erwachsenen in Deutschland abgedeckt. Für bakteriämische Pneumonien, die durch Pneumokokken hervorgerufen werden, betrug die Abdeckungsrate 68,6 Prozent.

Die im Polysaccharidimpfstoff Pneumovax®23 enthaltenen 23 Pneumokokken-Serotypen deckten 81,7 Prozent der IPE bzw. 86,5 Prozent der bakteriämischen Pneumokokken-Pneumonien ab.

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Vollständiger Bericht

Ansprechpartner

Dr. med.  Harald Hoffmann
Arzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie
harald.hoffmann@synlab.com